Lean & Clean – Warum weniger Ballast schneller zum ziel führt

Stell dir vor, du planst eine anspruchsvolle Bergtour. Das Ziel ist der Gipfel, die Aussicht ist phänomenal, die Motivation hoch. Doch beim Packen schleicht sich das „Was wäre wenn“ ein: Du nimmst die schwere Profi-Spiegelreflexkamera samt Stativ mit (für das eine perfekte Foto), packst drei verschiedene Powerbanks ein, nimmst zur Sicherheit drei Liter Wasser zu viel mit und stopfst Kleidung für jede erdenkliche Klimazone in den Rucksack – inklusive Ersatzstiefeln, falls die ersten drücken.

Du startest den Aufstieg und merkst nach den ersten 200 Höhenmetern: Dein Rucksack wiegt 25 Kilo. Während andere Wanderer mit leichtem Gepäck und einem Grinsen an dir vorbeiziehen, kämpfst du mit jedem Schritt gegen die Schwerkraft. Deine Knie zittern, der Schweiß brennt in den Augen und der Gipfel rückt in unerreichbare Ferne.

Genau so bewegen sich viele Unternehmen durch ihren Arbeitsalltag. Sie schleppen einen gewaltigen Berg an Prozess-Ballast mit sich herum. Sie nennen es „Sicherheit“, „Dokumentationspflicht“ oder „Qualitätsmanagement“, aber in Wahrheit ist es schlichtweg organisatorisches Übergewicht. Es kostet Geschwindigkeit, Motivation und am Ende den Erfolg am Berg.


Das Paradoxon der Komplexität: Warum wir den Rucksack immer voller packen

Wir Menschen haben eine psychologische Schwäche: Wenn wir ein Problem lösen wollen, fügen wir instinktiv etwas hinzu (Additive Bias). In der Unternehmenswelt sieht das so aus:

  • Ein Fehler passiert? Wir führen einen neuen Kontrollschritt ein.
  • Eine Abstimmung lief schief? Wir setzen ein wöchentliches „Update-Meeting“ auf.
  • Jemand hat eine Information nicht erhalten? Wir nehmen sicherheitshalber drei weitere Abteilungen in den E-Mail-Verteiler auf.

Das Ergebnis ist eine schleichende Prozess-Entropie. Wir bauen Schichten über Schichten auf, bis niemand mehr weiß, warum wir diese Steine eigentlich im Rucksack haben. Wir optimieren die Komplexität (z. B. durch ein besseres Tragesystem für den schweren Rucksack), anstatt sie zu eliminieren.

Lean Management bedeutet jedoch nicht, die Wanderer schneller rennen zu lassen. Es bedeutet, den Rucksack auszupacken und alles rauszuwerfen, was uns nicht auf den Gipfel bringt.

Die 7 Arten der Verschwendung im modernen Business

Ursprünglich für die Werkshallen von Toyota entwickelt, lässt sich das „Muda“-Prinzip (japanisch für Verschwendung) perfekt auf unsere heutige Wissensarbeit übertragen. Wo verlieren wir beim „Business-Marathon“ die Puste?

  1. Warten (Waiting): Das ist der Klassiker. Wir warten auf Freigaben vom Chef, auf die Zuarbeit eines Kollegen oder darauf, dass ein technisches System endlich geladen ist. Jede Minute Warten ist verlorene Lebens- und Arbeitszeit.
  2. Überproduktion (Over-production): Wir erstellen Berichte, die niemand liest, und Analysen, deren Datenbasis schon veraltet ist, wenn sie verschickt werden. Wir produzieren „Output“ um des Outputs willen, ohne den „Outcome“ zu prüfen.
  3. Transport: Im Büro bedeutet das den digitalen Transport. Endlose E-Mail-Ketten, in denen Informationen wie ein Ping-Pong-Ball hin- und hergeschickt werden, anstatt sie zentral und für alle zugänglich abzulegen.
  4. Umständliche Prozesse (Over-processing): Das ist das „vergoldete Waschbecken“. Wir investieren zu viel Zeit in Details, die für das Endergebnis irrelevant sind. Fünf Klicks für eine Aufgabe, die zwei bräuchte, oder eine Powerpoint-Schlacht für eine einfache Entscheidung.
  5. Bestände (Inventory): In der Wissensarbeit sind das unsere Backlogs und To-Do-Listen. Ein riesiger Stapel an angefangenen, aber nicht abgeschlossenen Aufgaben („Work in Progress“) bindet mentale Energie und verstopft das System.
  6. Bewegung (Motion): Damit ist die digitale Suche gemeint. Wie viel Zeit verbringen wir damit, die richtige Datei im schlecht strukturierten Cloud-Speicher oder die richtige Information im Chat-Verlauf zu finden? Das ist digitales Hin- und Herlaufen ohne Wertschöpfung.
  7. Fehler (Defects): Jede Korrekturschleife ist eine Verschwendung. Wenn die Anforderungen am Anfang unklar waren, müssen wir die Arbeit doppelt machen. Das frustriert das Team und verlangsamt den gesamten Durchlauf.

Die Strategie: Radikal auf das Wesentliche reduzieren

Ein guter Prozess ist wie eine perfekte Laufstrecke: flach, hindernisfrei und führt auf direktem Weg zum Ziel. Um dort hinzukommen, brauchen wir eine „Clean Design“-Mentalität.

1. Die „Warum-Frage“ als Skalpell

Gehe jeden einzelnen Schritt deines Prozesses durch. Stelle die radikale Frage: „Was passiert, wenn wir diesen Schritt einfach weglassen?“ Wenn die Antwort lautet: „Eigentlich nichts Schlimmes“, dann streiche ihn. Testweise. Beobachte, ob das System kollabiert. Meistens passiert das Gegenteil: Es atmet auf.

2. Kill the CC-Loop

Transparenz wird oft mit Informationsflut verwechselt. Wer muss wirklich aktiv an einer Entscheidung beteiligt sein und wer soll nur informiert werden? Nutze Tools wie eine RACI-Matrix, um Verantwortlichkeiten zu klären. Information-Overload ist kein Zeichen von guter Kommunikation, sondern ein schwerer Bremsklotz.

Werkzeug-Check: Die RACI-Matrix (Oder: Wer hält eigentlich die Karte?)

Wenn Prozesse im Sand verlaufen oder in endlosen CC-E-Mail-Schleifen ersticken, liegt das meist an ungeklärten Rollen. Die RACI-Matrix ist dein Werkzeug, um den „Entscheidungs-Rucksack“ zu entlasten.

RACI steht für vier Rollen, die es in jedem Prozess-Schritt geben sollte:

  • R – Responsible (Der Macher): Die Person, die die Aufgabe tatsächlich erledigt. Im Endeffekt ist das der Wanderer der tatsächlich den Berg erklimmen muss (Tipp: Versuche, nur eine Person pro Aufgabe auf „R“ zu setzen, um Verwirrung zu vermeiden.)
  • A – Accountable (Der Verantwortliche): Die Person, die am Ende den Kopf hinhält. Sie muss das Ergebnis absegnen. Goldene Regel: Es darf pro Aufgabe immer nur ein „A“ geben. Wenn zwei Leute die Karte halten, läuft man im Kreis.
  • C – Consulted (Der Experte): Personen, deren Rat eingeholt wird, bevor eine Entscheidung getroffen oder eine Aufgabe abgeschlossen wird. Das ist der Wetterexperte im Basislager. Aber Vorsicht: Zu viele „Cs“ machen den Prozess träge und führen zu „Tod durch Meetings“.
  • I – Informed (Der Beobachter): Personen, die über den Fortschritt oder das Ergebnis informiert werden, aber nicht aktiv mitreden. Das ist die Familie im Tal, die eine Nachricht bekommt, wenn ihr den Gipfel erreicht habt. Sie brauchen keine CC-Mail bei jedem Stein, über den ihr stolpert.

Der Lean-Hack: Die meisten Prozesse kranken an einem „C-Overload“. Wir fragen zu viele Leute nach ihrer Meinung, statt mutige Entscheidungen zu treffen. Wenn du deinen Prozess entschlacken willst, verwandle so viele „Cs“ wie möglich in einfache „Is“.

3. Standardisierung ist die Basis für Freiheit

Viele wehren sich gegen Standards, weil sie „Kreativität rauben“. Das Gegenteil ist wahr. Erst wenn die Standard-Aufgaben (die 80% des Alltags ausmachen) wie auf Schienen laufen, hast du den Kopf frei für die restlichen 20%, die echte Kreativität und Problemlösung erfordern.

Fazit: Leichtigkeit gewinnt

Am Berg zählt jedes Gramm. Im Prozessmanagement zählt jede Sekunde und jeder unnötige Handgriff. Ein „Lean & Clean“-System gibt dir die Freiheit, dich auf das zu konzentrieren, was wirklich zählt: Die Aussicht am Gipfel und der Erfolg des Teams.

Bevor du das nächste Mal über ein neues, teures Tool nachdenkst: Schau erst einmal in deinen Rucksack. Welche Steine schleppst du seit Jahren mit, die du heute einfach am Wegrand liegen lassen kannst?

Weniger Gewicht bedeutet mehr Höhe. Weniger Komplexität bedeutet mehr Erfolg.

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